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Die Grundrente ist doch der reinste Beschiss, oder?

Kaum hat man sich mit der Union auf die von der SPD eingebrachte Grundrente geeinigt, da wird sie auch direkt schon wieder schlecht geredet. Aber ist sie gerecht? Kann sie wirklich helfen ?


Der Grundgedanke der neuen Grundrente in Deutschland ist eigentlich sehr einfach. Jemand der sein Leben lang gearbeitet hat, soll dafür zukünftig nicht mehr Sozialleistungen wie die Grundsicherung im Alter beantragen müssen. Was dazu eh für viele Rentner meist sehr peinlich war „Almosen“ beantragen zu müssen. So fällt bei der SPD immer wieder der Satz „Respekt für Lebensleistung„. Leider wird aber nicht davon gesprochen, dass eine Grundrente eine gesellschaftliche Teihlhabe ermöglichen sollte. Schaut man z. B. nach Holland, ist die Grundrente dort sehr viel einfacher strukturiert, gleich für alle und zeichnet sich durch einen, unter Armutsforschern gängigen, Mindeststandart aus. „Jeder der 50 Jahre in Holland gelebt hat erhält eine Grundrente von 1.200€“.


Aber wie ist nun diese neue Grundrente in Deutschland zu verstehen?

Leider ist hier kein ganz so einfaches Modell wie in Holland herausgekommen, aber dennoch eine annehmbare Rentenleistung, wie z. B. für eine Frieseurin oder Reinigungsfachkraft, die in meinen Augen einen ersten sehr großen Schritt in der Rente darstellt, um negative Einflüsse durch zu geringe Löhne auf Renten zu beheben.

Wer aber nun genau diese Grundrente erhahlten soll, wird anhand positiver Einnahmen von Renten, Kapital und Mieteinkünften überprüft. Jedem gesetzlich Rentenversicherten, dem weniger als 1.250€ steuerliches Einkommen im Alter zur Verfügung steht, wird diese Grundrente automatisch erhalten (Ist man Verheiratet werden beide Einkünfte betrachtet und es gilt eine Grenze von insgesamt 1.950€).

 

„Ich persönlich finde diese Prüfung auf weitere Einnahmen im Alter wichtig, weil es eben keine Gelder aus der Rentenkasse selbst sind sondern Steuergelder, wodurch diese aufstockende Leistung für Betroffene zur gesetzlichen Rente  finanziert wird“.

 

Ein digitaler Austausch zwischen Behörden und der Rentenversicherung soll also weitere Einnahmen, wie eine vorhandene private bzw. betriebliche Altersvorsorge und Mieteinkünfte, automatisch für Betroffene überprüfen. Dadurch entfällt natürlich auch ein bürokratisches Antragsverfahren für alte Menschen. Wie hoch die gesamte Rente dann im Alter sein wird, schauen wir uns jetzt einmal genauer an.

Allerdings beeinflusst diese neue gesetzliche Grundrente nicht die private Vorsorge. Meist sind von Altersarmut betroffene Arbeitnehmer ohnehin nicht finanziell in der Lage privat vorzusorgen. Daher wird gerade für mittlere Einkommenshöhen die private Altersvorsorge zunächst auch weiterhin nötig bleiben, um den Lebensstandart im Alter dem vorherigen Arbeitseinkommen anzupassen.

Diese Frieseurin verdient in 2019 ca. 1.650€, das macht 19.800€ p.a. Einkommen pro Jahr.

 

Für 2019 erhält sie eine spätere mtl. Rente von rund 16€ gutgeschrieben.

 

Nach 45 Jahren Arbeit bei gleichem Einkommen erhält diese Frieseurin somit rund 728€ Rente mtl. im Alter und wäre auf Grundsicherung durch die Behörden angewiesen.


Hier greift nun in Zukunft die neue Grundrente ein.

Es wird aber hier ein wenig komplizierter.

Da diese Frieseurin sich im Berufsleben weniger als 0,8 EP und mehr als 0,3 EP erworben hat sieht die neue Grundrente nun vor, dass die Rentenansprüche der ersten 35 Jahre des Berufslebens verdoppelt werden.

Dies ist aber bei jedem Rentner begrenzt auf maximal 0,8 EP.

 

(Sie wissen noch,EP=Entgelt-oder Rentenpunkte & um Irretationen an dieser Stelle zu vermeiden, spreche ich die 33 Jahre jetzt hier nicht an)


Nun fehlen aber noch 10 Berufsahre, um die benötigten 45 Jahre für die Altersrente zu erreichen!

Diese Muster-Frieseurin erhält nun also nicht mehr nur noch 728€ Rente, sondern bereits jetzt schon 925€ mtl. Rente im Alter durch eben diese Grundrente.

 

Hört sie also auf nach 35 Berufsjahren zu arbeiten, wäre dies die endgültige Rente.

 

Nun kommen aber natürlich noch Rentenansprüche der letzten 10 Berufsjahre hinzu, um die Mindestzeit von 45 Jahren für den Bezug der Altersrente zu erreichen. Womit sie auf eine gesamte Rente von 1.086€ kommen wird.


Und was ist aber, wenn sie nicht arbeiten kann?

In der gesetzlichen Rentenversicherung werden grundsätzlich die Zeiten der Arbeitslosigkeit und bei einer Erwerbsminderung weiter angerechnet, womit kein Verlust für die Zeit der 35 Jahre entstehen kann (Bei einer Erwerbsminderung werden sogar Beiträge zur Rente bis 65 genauso weiter gerechnet, als würden sie auf Basis des letzten Einkommens fiktiv einfach weiter arbeiten). Auch werden Zeiten der Pflege von Angehörigen und der Kindererziehung bei der Grundrente mit angerechnet, weil man in dieser Zeit kein bzw. ein sehr geringes Einkommen hat, aber dennoch seinen Beitrag zur Gesellschaft leistet.

 

Aber das ist doch unfair, dass sie das bisschen noch versteuern muss

Da stimmt. Das ist alles andere als Fair. Das ist der Tatsache geschuldet, dass alle Renteneinkünfte seit 2005 versteuert werden müssen. Aufgrund des Alterseinkünftegesetztes hat sich aber leider der Gesetzgber nicht an diese wichtige und benötigte Steuerfreieheit getraut.  Aktuell  muss man als Neurentner ab 2020 nur 80% seiner gesetzlichen und privaten Rürup Rente versteuern, was ein fester Prozentsatz für nur diesen Rentner bleiben wird. Dies steigt bei jedem Neurentner um 1% an bis auf 100% (Bestandsrentener werden also von diesem Anstieg nicht betroffen sein).

Bei unsere Beispiel kann die Freiseurin noch pauschale Werbungskosten von 102€ geltend machen, was dann 10.342€ p.a. zu versteuerndes Einkommen wären, wenn Sie 2020 in Rente geht. 

 

Steuern werden aktuell bereits auf Einkommen ab  9.405€ bezahlt. Dadurch wird sie bereits rund 12€ mtl. dieser eh schon zu kleinen Rente abgeben müssen.


Das mag sich ersteinmal zunächst nach nicht viel anhören.

Es ist aber für Betroffene bei zu hohen Mieten und Gebühen bereits jezt schon ein herber Einschnitt, da ja auch noch davon die Krankenkasse bezalt werden muss.

 

Geht diese Frieserin aber 2040 in Rente sieht dies dann bereits erheblich Schelchter aus. Denn dann wird sie einen Steuerabzug von bereits 32€ haben. Trotz hoher Mieten und Krankenkassenbeiträgen. Sie wissen noch? Das ist der Tatsache geschuldet, dass Sie als Neurentner immer einen festen Anteil versteuern müssen, in dem sie auch in Rente gehen. Für 2020 sind das 80% und für 2040 halt 100%.


Und was ist mit Beiträgen zur Krankenkasse in der Rente?

Die Beiträge zur Krankenversicherung müssen auch weiterhin immer von jeder Rentenleistung bezahlt werden. Also auch von der Grundrente. Die Krankenkassenbeiträge oder zu hohe Mieten sind im Grunde keine wirklichen Probleme der Rente ansich, weshalb man dafür eigene Lösungen finden muss.

Allerdings wird seit 2020 kein Arbeitgeberbeitrag zu Betriebsrente mehr fällig. Eine sinnvolle und gerechte Entlastung in meinen Augen.

 

Und was ist wenn sie Wohngeld erhält, das wird doch wieder nur alles verrechnet ?

Nein, auch hier soll es einen gewissen Freibetrag von 120€ geben, der nicht mit der Grundsicherung selbst verrechnet wird.


Mein Fazit

+

Das Modell dieser neuen Grundrente in Deutschland ist für mich zwar kein großer Wurf aber dennoch ein Paradigmenwechsel in der gesetzlichen Rentenversicherung. Denn erstmalig in der Geschichte der Rentenversicherung wird es keine Rolle mehr

-spielen, ob Sie genügend Einkommen erhalten, um irgendwie im Alter eigenständiger überleben zu können oder ob Sie sich zwischenzeitlich auch noch um Ihre Kinder und Angehörigen kümmern möchte, ohne über Rentenverluste nachdenken zu müssen.

+Mit einer Grundrente wird auch das sparen in einer Riester-Rente oder einer betrieblichen Altersvorsorge für diese Betroffenen ebenfalls wieder lukrativer. So entfällt nämlich die Verrechnung mit der Grundsicherung im Alter, weil die Grundrente diese Sozialleistung ersetzt. Auch gelten bei der privaten Vorsorge bereits seit 2017 dieselben steuerlichen Freigrenzen von rund 2.400€ p.a. wie sie bei der Grundrente zusätzlich auch gelten sollen. Spart diese Frieseurin also 50€ mtl. und erhält rund 16€ an Zulagen (ohne Kinderzlagen), verlor sie bislang durch die spätere Versteuerung im Alter einen Teil dieser Sparbeiträge. Nun wird diese Frieseurin neben der Grundrente auch diese private Rentenleistung zusätzlich ohne Abzüge behalten können. Ein wesentlicher Vorteil, den Verbraucherschützer immer kritiserten.

+Durch die Finanzierung einer aufstockenden Leistung mit Steuergeldern aus dem Bundeshaushalt umgeht man nicht nur sehr elegant die Auswirkungen von Lohndumping, sondern entlastet indesbesondere hoch verschuldete Kommunen von finanziellen Ausgaben wie der Grundsicherung.

-Die Höhe der Grundrente und der eher komplexe Rechenweg sind allerdings eher nachteilig in meinen Augen, wodurch Rentner nicht wirklich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Die Brechnungen führt jetzt schon zu Irretationen und falschen Schlüssen über die endgültige Höhe der eigenen Altersrente. Auch werden ostdeutsche Bürger aufgrund der unterschiedlichen Rentenhöhe leider benachteiligt, weil es eben  keine einheitliche Leistung für alle darstellt, sondern Rentenansprüche einfach nur verdoppelt werden. So erhält rein rechnerisch eine Frieseurin  im Osten weniger Grundrente als eine im Westen, aufgrund der unterschiedlichen Ost-West Verhältnisse bei Einkommen und in der Rente selbst.

 


Ist sie also ein Grundrente ? Nein

Hilft Sie den Betroffenen ? Nein, eine Grundsicherung muss dennoch zusätzlich in vielen Ballungsgebieten beim Amt beantragt werden.

Ist sie gerecht ? Leider nur teilweise

 

Für eine gesellschaftliche Teilhabe im Alter wäre es also von großem Vorteil diese Grundrente direkt in der nächsten Legislaturperiode so anzupassen, dass allen Betroffenen mind. eine steuerfreie Grundrente von 1.200€ zusteht. Und dass eine Finanzierung gefunden wird, die nicht den Bundeshaushalt belastet, sondern direkt mit dem Einkommen gekoppelt wäre, analog den Rentenbeiträgen der Versicherten auch. So könnte man z.B. den ehemaligen, an Einkommen gekoppelten, Soli zum Rentensoli umstrukturieren und für die Finanzierung der Grundrente nutzen, damit sich unmittlebar Poliker, Beamte und Kapitalanleger dem Einkommen angemessen an der Grundrente beteiligen würden.

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